Kreatives China: Vom akademischen Spiegelbild zur urbanen Lebensweise

Wenn ein aus dem Westen importiertes Konzept auf den Kontext der östlichen Stadt trifft: Wie wurde Chinas Kultur- und Kreativindustrie in den letzten zwanzig Jahren erforscht und beschrieben, und wie hat sie stillschweigend den städtischen Alltag verändert? Wir gehen von einer bibliometrischen Analyse aus und betrachten die Wachstumsspur der kreativen Stadt im chinesischen Boden.

Vor vielen Jahren wurden alte Lagerhäuser im Londoner East End zu Designstudios umgebaut, verlassene Fabriken in New York zu Galerien, und tief in den Hutongs von Peking begannen Kaffeearoma und elektronische Klänge aus den grauen Ziegeln und schwarzen Dächern hervorzuwehen. Das gemeinsame Etikett dieser Szenen war „Kreativwirtschaft“ – ein Konzept, das die britische Labour-Regierung 1998 einführte und das sich später wie ein Zugvogel um den Globus verbreitete. In China allerdings schlug der Begriff erst wirklich Wurzeln, als die Shanghaier Stadtregierung ihn 2005 in ihre Wirtschaftsstrategie aufnahm.

Zwanzig Jahre später ist die Kreativwirtschaft in China längst mehr als ein Schlagwort in akademischen Arbeiten; sie ist zum Eingang von Kunstmuseen an Straßenecken, zu Kurzvideos in sozialen Medien, zu nächtlichen Partys in alten Fabrikhallen und für unzählige junge Menschen zu einem Grund geworden, sich für eine Stadt als Lebensmittelpunkt zu entscheiden. Doch seltsamerweise zeigt sich bei dem Versuch zu verstehen, wie all dies tatsächlich entstanden ist, ein bemerkenswertes Phänomen: Die Aufmerksamkeit der globalen Wissenschaft für Chinas Kreativwirtschaft ist noch immer von einer starken westlichen Brille geprägt.

Eine kürzlich in „Frontiers in Communication“ veröffentlichte bibliometrische Studie durchsuchte die Scopus-Datenbank nach einschlägigen Veröffentlichungen der letzten zwanzig Jahre und versuchte, die Landschaft der Forschung zu Chinas Kultur- und Kreativwirtschaft zu umreißen. Das Ergebnis überrascht nicht: Westliche Wissenschaftler dominieren weiterhin die Beiträge, die meistzitierten Autoren stammen überwiegend aus dem englischsprachigen Raum, und die Vernetzung chinesischer Forscher vor Ort ist noch weit von einem engen Netzwerk entfernt. Mit anderen Worten: Das Bild, das wir von Chinas Kreativlandschaft sehen, wird größtenteils durch fremde Linsen vermittelt.

Der wahre Wert dieser Studie liegt jedoch vielleicht nicht darin, aufzuzeigen, wer forscht, sondern darin, eine Diskrepanz zu offenbaren. Die „Kreativwirtschaft“, wie sie westliche Wissenschaftler beschreiben, betont individuelle Kreativität, geistiges Eigentum und freie Märkte, während der chinesische Kontext eher wie eine Erweiterung der „Kulturindustrie“ wirkt – staatsgeführt, massenhaft produziert, als Träger nationaler Soft Power. Der britische Wissenschaftler Michael Keane hat beobachtet, dass China fremde Konzepte oft „sinisiert“, indem es ihnen eine Anmerkung „lokaler Besonderheiten“ hinzufügt. So muss sich „Kreativität“ in der Heimat des Konfuzius mit kollektiven Werten und politischen Zielen arrangieren.

Die Studie zeigt jedoch auch, dass dieser Kompromiss nicht das ganze Bild ist. Im M50-Kunstpark in Shanghai und im 798-Kunstbezirk in Peking sprießt individuelle Kreativität immer noch wie Unkraut aus den Fugen zwischen den Ziegeln. Wissenschaftler stellen fest, dass Künstlerstudios, Marken unabhängiger Designer und selbst produzierte Platten von Musikern selbst innerhalb des politischen Rahmens auf ihre eigene Weise „chinesische Kreativität“ neu definieren. Diese Spannung ist genau die Geschichte, die globale Städte alle durchleben: Wenn Kapital und Macht versuchen, Kreativität zu vereinnahmen, findet sie immer einen neuen Ausweg.

Eine weitere Erkenntnis der Studie ist die Spärlichkeit des Kooperationsnetzwerks der Autoren. Das ist vielleicht nicht unbedingt schlecht. In der Forschung zur Kreativwirtschaft können interkulturelle Begegnungen oft mehr Einsichten hervorbringen als enge Zusammenarbeit. Wie unabhängige Cafés in der Stadt hat jedes seine eigene Röstmethode, statt der einheitlichen Rezeptur einer Kette. In ähnlicher Weise könnten die isolierten einheimischen Forscher auf der akademischen Landkarte der chinesischen Kreativwirtschaft möglicherweise bodenständigere Beobachtungen liefern.Blickt man auf die letzten zwanzig Jahre zurück, stellt man fest, dass die „kreative Industrie“ in China eine semantische Ausweitung durchlaufen hat. Anfangs war sie eine Branchenplanung in Regierungsdokumenten, später wurde sie zu einem Instrument der Stadterneuerung und schließlich zu einem Lebensstil, mit dem junge Menschen sich selbst ausdrücken. Die Concept Stores, die man heute an der Wukang-Straße in Shanghai sieht, die kleinen Bars in der Yulin-Straße in Chengdu und die Studios im Stadtbezirk Nanshan in Shenzhen – all das sind lebendige Projektionen dieses Konzepts im Straßenbild. Die Forschung mag hinterherhinken, aber das Leben ist immer voraus.

Die Bibliometrie zeigt uns die Brennpunkte der Vergangenheit, doch in der Textur der Städte liegt die Richtung der Zukunft verborgen. Jene alltäglichen Praktiken, die der akademische Mainstream nicht erfasst hat – die Buchkiste eines unabhängigen Verlegers, ein Open-Air-Kino auf dem Dach, ein Improvisationstheater in einer alten Fabrikhalle – sind vielleicht das wahre Grenzland der chinesischen Kreativindustrie. Während der globale Blick weiterhin darauf gerichtet ist, „wie der Westen China beeinflusst“, haben die chinesischen Städte auf ihre eigene Weise Kreativität in die Sojamilch des Frühstücks und die Neonlichter der tiefen Nacht hineingeknetet.

Der Titel dieses Artikels enthält „Chinas Kultur- und Kreativindustrien“, doch im Kern geht es darum, wie eine Generation in einem sich schnell verändernden Land die Schnittmenge von Kreativität und Leben sucht. Und jeder, der in einem kreativen Raum verweilt, ist ein ungenannter Mitautor dieser Forschung.

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